Sucre

11. bis 28. September

Wie erwartet, gibt es in Bolivien nur sehr unregelmäßig und vor allem langsames Internet. Außerdem verbringen wir immer wieder Nächte irgendwo abseits von Städten – das genießen wir richtig. Seit dem letzten Beitrag haben wir deshalb schon wieder einige hundert Kilometer zurückgelegt und ganz schön was erlebt. Doch ganz der Reihe nach:

Nachdem wir uns bei einem Geburtstagsfrühstück von Fernandos Frau Veronica (mit Saltenas und Cola) in Santa Cruz verabschieden, geht’s ab auf die echten Pisten. Vorbei mit geraden, wunderbar asphaltierten Straßen und ab in die Berge Boliviens. Die Straßen machen Spaß und die Landschaft ist jetzt schon unglaublich beeindruckend. Wir übernachten in der Nähe von Wasserfällen und es ist immer noch so warm, dass wir morgens darunter baden gehen.

In „Gingers Paradise“ wohnt ein Freund von Fernando. Er ist kanadischer Aussteiger, hat sich ein Haus im Dschungel oberhalb eines Flusses gebaut und pflanzt Gemüse und Kaffee an. Er backt selber, braut Bier, setzt Liköre und Wein an – das müssen wir natürlich probieren. Außerdem ist es immer wieder faszinierend die Geschichten der Menschen zu hören – was sie bewegt an so einem Ort zu leben und wie es alles funktioniert. Die Antworten sind meistens ähnlich: „Ich hatte keine Lust mehr auf Verpflichtungen, ich will unabhängig sein, die Ruhe, die geringen Kosten usw.“. Für uns wär‘ das immer noch nichts und ich bewundere die Leute, die das schaffen! Reisen ist toll, aber Deutschland auch 🙂

Samaipata war eine Empfehlung von Sofie aus Corumbá. Wir finden nicht so richtig Gefallen daran. Es ist ein winzig kleines Kaff, in dem viele Hippies rumhängen (NEIN wir sind trotz VW Bus und Eriks langen Haaren keine) und alles etwas zu „entspannt“ zugeht. Wahnsinnig toll ist der Markt: Mittagessen mit Reis, Nudeln, Gemüse und Fleisch für 1,30€, frischen Joghurt (den ersten den wir seit der Mongolei essen), leckeres Brot und eine deutsche Metzgerei, die harte Salami herstellt! Weiter geht’s trotzdem nach zwei Nächten. Und zwar auf Schotterpisten, die uns die nächsten 300km verfolgen, aber so haben wir es uns ausgesucht. Die Strecke ist anspruchsvoll, es geht von 900m mal kurz hoch auf 3000m und manchmal wünschen wir uns einen Allradantrieb. Letztendlich meistert „Dimas“ alles richtig gut und wir können unseren ersten Stop im Nirgendwo an einem Wasserfall machen. Der alte Herr, der sich etwas um das Gelände kümmert, freut sich über ein Käsebrot als Übernachtungspauschale. Als wir losfahren wollen geht’s nicht – der Bus springt nicht an und das mitten in der Pampa! Das Problem ist schnell ausgemacht: Benzin im Zylinder und Motoröl. Erik macht einen Ölwechsel, tauscht den Ölfilter aus und klemmt ab sofort das Benzin beim Stehen ab, da sonst wieder Benzin ins Öl läuft. Problem vorläufig gelöst, der Besuch in einer Werkstatt ist aber mal wieder unumgänglich.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Vallegrande fahren wir nach La Higuera. Ab nun befinden wir uns auf der „Ruta de Ché“. Ché Guervara haben wir bisher nur mit Fidel Castro und Kuba in Verbindung gebracht. Was macht eine ganze Rundstrecke mit seinem Namen hier mitten in Bolivien? Die Antwort bekommen wir in dem kleinen 50-Mann Bergdorf La Higuera. In einem kleinen Museum erfahren wir, dass Ché Bolivien als Herz Südamerikas genutzt hat, um eine ähnliche Revolution wie in Kuba herbeizuführen. Nahe La Higuera wurde er dann festgenommen und in der Schule erschossen. Wir treffen die Frau, die ihm seine letzte Mahlzeit – Erdnusssuppe – serviert hat. Während Erik die Idylle auf dem Gelände der französischen Auswanderer genießt, leide ich etwas unter Höhenkrankheit – denken wir, denn es könnte auch der Weißwein vom Vorabend sein. Bolivien ist der größte Kokaproduzent der Welt. Viele Einheimische sieht man Kokablätter kauen – das soll nicht nut den Hunger stillen, sondern auch gegen die Höhenkrankheit helfen. Als ich das ausprobiere, landet alles im Mülleimer, es schmeckt scheußlich. Im Gegensatz zu dem weißen Pulver sind die Blätter im Mund und vor allem im Tee eher ungefährlich.

Es geht weitere Kilometer über Holperpisten. Viele Fahrzeuge treffen wir nicht. Aber endlich sehen wir wieder mit 21 Mann vollgepackte Minivans und Mopeds mit fünfköpfigen Familien. Wir sehen auch einen als Zahnarztpraxis ausgestatteten Kleinbus der in den Bergen die Familien abklappert. Toll, dass es so etwas auch in einem Entwicklungsland wie Bolivien gibt.

Vor Sucre halten wir in Tarabuco. Es ist Sonntag und am Sonntag findet immer einer großer Markt statt, zu dem teilweise Menschen aus ganz Bolivien kommen. Es gibt vor allem schöne Handarbeiten zu kaufen. So finde ich endlich einen warmen Pulli, ein paar warme Socken und eine Mütze. Die Sonne scheint, aber auf 3000m ist es jetzt doch etwas frisch!

Sucre ist die „weiße Stadt“ Boliviens, Hauptstadt und UNESCO Weltkulturerbe. Sie hat viele schöne Häuser im Kolonialstil die weiß gestrichen und gepflegt sind. Unser „Dimas“ muss mal wieder in die Werkstatt und bekommt dieses Mal zu zwei Dritteln einen neuen Motor. Wir schlafen seit sechs Wochen wieder in einem Bett – man ist das unbequem – haben aber mit Maria eine super Gastgeberin. Sie ist nicht nur Spanischlehrerin, sondern auch eine gute Köchin. Der Mechaniker ist auch super. Sehr überrascht sind wir, als wir in einer anderen Werkstatt einen zehnjährigen Jungen sehen, in Arbeitsanzug und mit Helm. Er arbeitet hier jeden Tag, von morgens bis abends, am Abend geht er in die Schule. Ein Gesetz, das so etwas verbietet, gibt es zwar, es wird jedoch wohl nicht kontrolliert. Der Junge ist keine Ausnahme – die Familie braucht Geld. Aber ob er in der Abendschule noch aufmerksam lernen kann, bleibt zu bezweifeln. Sucre liegt toll, hat ein schönes Pub – natürlich von Ausländern geführt – mit gezapftem Bier, eine Kneipe mit Livemusik – ich fall‘ fast um, weil man drinnen rauchen darf 🙂 – und alles was man braucht, um es eine Weile auszuhalten. Unter anderem auch einen deutschen „Schriftsteller“, der in einem Café plötzlich vor uns steht und eine „Überraschung“ für uns hat. Er drückt uns eine Leseprobe seines neuen Buchs in die Hand und dreht für zwei Sekunden sein riesiges Plakat, mit dem Kommentar: „Darum geht’s“ um. Zu sehen ist ein nacktes Paar in einer eindeutigen Pose. Trotz des großen Auftritts ihres Autors bleibt die
Lektüre hinter ihren Erwartungen zurück. Nach etwas mehr als einer Woche ist „Dimas“ endlich wieder fit, topfit, und wir können zurück auf die Straße – wir haben es vermisst… Endlich auch ausgestattet mit einem original VW Radio!

2 Gedanken zu “Sucre

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